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Zuletzt angepasst am 16.04.2024

COPD: Auswirkungen auf Alltag, Psyche und Lebensqualität …nicht nur im fortgeschrittenen Stadium

Psychische Beeinträchtigung bei COPD

Weltweit sind mehrere Millionen Menschen von einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) betroffen — mit steigender Tendenz. Die Erkrankung schränkt den Handlungsspielraum der Betroffenen meist deutlich ein und hat gravierende Auswirkungen auf deren Alltag.

Zusätzlich erlebt ein großer Teil der Betroffenen auch psychische Beeinträchtigungen. Nicht immer ist dabei das Vollbild einer Depression oder Angststörung vorhanden, aber viele Patienten leiden unter einzelnen Depressions- oder Angstsymptomen. Einer großen Untersuchung zufolge weisen ca. 40% der COPD-Patienten eine erhöhte Depressivität auf, ca. 36% leiden unter einer erhöhten Ängstlichkeit.

In mehreren Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass das Ausmaß von Angst und Depression nicht unbedingt vom Schweregrad der COPD-Erkrankung abhängig ist. Beispielsweise traten in einer aktuellen Untersuchung Ängste bei  COPDPatienten in den Stadien I und II ebenso häufig auf, wie in den Stadien III und IV. Auch depressive Syndrome wurden bereits in frühen Stadien ebenso häufig berichtet wie in höheren Schweregraden (III und IV). Möglicherweise findet bei den meisten Betroffenen schon in einem frühen Stadium (beispielsweise nach der Mitteilung der Diagnose) eine Bewertung der Erkrankung statt, die sich in der Folge nicht mehr maßgeblich verändert.

Welche Rolle spielen krankheitsspezifische Ängste?

Vor dem Hintergrund der real existierenden Bedrohung durch die Erkrankung treten häufig auch „krankheitsbezogene Ängste“ auf. Damit sind die Ängste und Sorgen der Betroffenen vor der Symptomatik selbst oder auch vor deren Folgen für die Zukunft gemeint. Bei anderen chronischen körperliche  Erkrankungen (beispielsweise verschiedenen Krebserkrankungen) werden krankheitsspezifische Ängste und ihre Relevanz für die Lebensqualität bereits seit vielen Jahren  untersucht. Erst in den letzten Jahren wurden krankheitsspezifische Ängste auch bei COPD näher betrachtet.

Im Rahmen einer Studie, die wir in Kooperation mit der SHG Lungenemphysem–COPD Deutschland durchgeführt haben, war es erstmals möglich, an einer großen Zahl von COPD-Patienten, die sich in unterschiedlichen Krankheitsstadien befanden, krankheitsspezifische Ängste differenziert zu untersuchen.

Insgesamt zeigte sich, dass krankheitsspezifische Ängste bei COPD eine wichtige Rolle spielen. Die Ängste, die die Teilnehmer unserer Studie berichteten, lassen sich zu verschiedenen Bereichen zusammenfassen:

  • Progredienzangst“ (Angst vor dem Fortschreiten der Erkrankung)
  • Angst vor sozialer Ausgrenzung
  • Angst vor Atemnot
  • Angst vor körperlicher Aktivität
  • Schlafbedingte Beschwerden (z.B. aufgrund von Husten, Kurzatmigkeit)

Betroffene, die in einer Partnerschaft lebten, berichteten zudem von Ängsten bezüglich ihrer Partnerschaft (z.B. Sorge, den Partner durch die Erkrankung zu sehr zu belasten).

Auch die Nutzung von Langzeit-Sauerstoff ging bei einigen Teilnehmern mit Ängsten einher: Einige Betroffene berichteten von Sorgen, wegen des Sauerstoffgeräts negativ bewertet zu werden oder von Scham, es in der Öffentlichkeit zu benutzen. Manche Teilnehmer gaben sogar an, die Anwendung eines Sauerstoffgerätes in der Öffentlichkeit generell zu vermeiden.

Wie wirken sich psychische Faktoren aus?

Spezifische Sorgen und Ängste, die direkt auf die Symptome der COPD und ihre Folgen bezogen sind, sind angesichts der Schwere der Erkrankung zunächst einmal als eine naheliegende und „normale“ Reaktion anzusehen. Sind die Sorgen und Ängste in Bezug auf die Erkrankung jedoch sehr stark ausgeprägt, können sie selbst zu einer Belastung werden und die Lebensqualität der Betroffenen zusätzlich beeinträchtigen.

Darüber hinaus zeigen Studien, dass psychische Faktoren (wie beispielsweise subjektive Krankheitsannahmen oder krankheitsspezifische Ängste) sich auch negativ auf das Krankheitsverhalten (d.h. den Umgang mit der Erkrankung selbst) auswirken können. Beispielsweise kann Angst vor Atemnot dazu führen, dass die Betroffenen körperliche Aktivität vermeiden. Die Betroffene ziehen sich in der Folge immer mehr vom Alltagsleben zurück, was wiederum zu weiteren Beeinträchtigungen führen kann.

Welche Ansatzpunkte gibt es aus psychologischer Sicht?

Unsere Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, psychische Beeinträchtigungen bei COPD zu erfassen und sie im Umgang mit der Erkrankung angemessen zu berücksichtigen. Insgesamt erreichten die krankheitsspezifischen Ängste bei fast der Hälfte aller Teilnehmer der oben genannten Studie ein einschränkendes Niveau. Dies ist ein wichtiger Hinweis, dass solche Ängste einer besonderen Aufmerksamkeit bedürfen.

Behandler (z.B. Ärzte, Physiotherapeuten) sollten deswegen auch bei Betroffenen, die sich noch in einem frühen Stadium der Erkrankung befinden, auf mögliche psychische Beeinträchtigungen achten, um behutsam in eine  Kommunikation eintreten und so einer Chronifizierung der Ängste entgegen wirken zu können. Untersuchungen zeigen, dass viele Betroffene sich scheuen, ihren Arzt selbst anzusprechen. Behandler können jedoch wichtige Ansprechpartner sein, um Ängste zu relativieren oder Betroffene über Möglichkeiten zu informieren, wie das Allgemeinbefinden positiv zu beeinflussen ist.

Die Betroffenen selbst sollten versuchen, sich aktiv Unterstützung zu holen, falls sie bemerken, dass Sorgen und Ängste Überhand nehmen. Auch eine Selbsthilfegruppe kann hilfreich sein, um sich über die Erkrankung und ihre Folgen auszutauschen. Selbsthilfegruppen stellen zudem häufig Newsletter und Ratgeber zur Verfügung, die praxisnahe und aktuelle Informationen zur Erkrankung vermitteln.

Darüber hinaus können auch Partner einen wichtigen Beitrag leisten. Allerdings müssen Angehörige häufig erst selbst einmal lernen, wie sie ihren Partner am besten unterstützen können. Dafür ist eine offene Kommunikation zwischen Betroffenen und Angehörigen wichtig. Die Angehörigen wiederum sollten darauf achten, dass die Sorge um den Erkrankten nicht allein auf ihnen lastet, sondern sich auch gegenüber Ärzten und Pflegekräften öffnen und die Verantwortung mit ihnen teilen.

Literatur
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Quelle: Vortrag von Prof. Dr. Nikola Stenzel Berlin Diplom-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin (VT) Psychologische Hochschule Berlin, auf dem 9. Symposium Lunge am Samstag, den 10. September 2016 von 9:00-17:00 Uhr in Hattingen (NRW)

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